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Schweigen als Schutzstrategie


Schweigen wird oft schnell negativ bewertet. Es gilt als Rückzug, als fehlende Kommunikation oder als Zeichen von Desinteresse. Dabei wird leicht übersehen, dass Schweigen in vielen Situationen eine wichtige Schutzfunktion erfüllt. Für manche Menschen ist Schweigen kein Mangel an Worten, sondern ein Weg, sich selbst zu schützen.

Besonders Menschen, die erlebt haben, dass ihre Offenheit nicht ernst genommen, abgewertet oder gegen sie verwendet wurde, entwickeln Schweigen als eine Form von Selbstschutz. Wer wiederholt erfahren hat, dass Worte verletzlich machen, lernt, sich zurückzunehmen. Schweigen hilft dann, Überforderung zu vermeiden, emotionale Verletzungen abzuwehren oder erneute Grenzüberschreitungen zu verhindern.

In der Beratung zeigt sich häufig, dass dieses schützende Schweigen eine nachvollziehbare Reaktion auf belastende Beziehungs- oder Lebenserfahrungen ist. Schweigen schafft Abstand, ermöglicht innere Regulation und trägt dazu bei, die eigene Stabilität zu bewahren. In diesem Sinn ist Schweigen nicht leer, sondern gefüllt mit dem Versuch, Sicherheit herzustellen.

Problematisch wird Schweigen meist erst dann, wenn es zur einzigen Strategie im Umgang mit Nähe, Konflikten oder eigenen Bedürfnissen wird. Was ursprünglich Schutz geboten hat, kann langfristig zu innerer Isolation führen. Gefühle und Bedürfnisse bleiben unausgesprochen, Beziehungen werden distanzierter und der Kontakt zu sich selbst kann verloren gehen. Viele Betroffene beschreiben dann ein Gefühl von innerer Einsamkeit oder Unsichtbarkeit.

In der Beratung geht es deshalb nicht darum, Schweigen vorschnell aufzulösen oder zu bewerten. Vielmehr steht zunächst das Verstehen im Vordergrund: Wovor schützt dieses Schweigen? Welche Erfahrungen haben es notwendig gemacht? Und in welchen Situationen ist es heute noch hilfreich oder vielleicht nicht mehr?

Beratung bietet einen sicheren Rahmen, in dem Schweigen respektiert wird, ohne es festzuschreiben. Klientinnen und Klienten bestimmen selbst, was sie wann teilen möchten. Schweigen wird nicht als Widerstand verstanden, sondern als wichtige Information über innere Grenzen, Beziehungserfahrungen und biografische Prägungen. Erst wenn Schutz und Sicherheit erlebt werden, kann sich allmählich auch Offenheit entwickeln.

So wird Schweigen nicht als Gegensatz zur Kommunikation gesehen, sondern als Teil davon. Indem Beratung sowohl dem Gesagten als auch dem Ungesagten Raum gibt, unterstützt sie Menschen dabei, neue und stimmige Formen des Ausdrucks zu finden, in einem Tempo, das Sicherheit ermöglicht.

 
 
 

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